Trans Awareness Week

Begriffserklärung

  • Trans

Trans ist ein Überbegriff für Personen, die sich nicht mit dem bei ihrer Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren. Es gibt verschiedene Bezeichnungen und Identitäten die unter den Schirm trans fallen, dazu zählen z.B. Transmann/-frau und nicht-binär. Manche Transpersonen machen geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen wie z.B. operative Eingriffe oder eine Hormonersatztherapie. Wichtig ist jedoch anzumerken, dass derartige Maßnahmen keine Voraussetzung für Transidentität sind. 

Manche Menschen schreiben trans* um auszudrücken, dass nicht nur Transfrauen und Transmänner trans sind, sondern zB. auch viele nicht-binäre Menschen sich mit dem Begriff identifizieren. 

–> Wir verwenden in den Texten den Begriff ohne Stern um keine Trennung zwischen binären und nicht-binären Transpersonen zu machen.

  • Transfrau

Eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben wurde, die sich aber als weiblich identifiziert ist eine Transfrau.

  • Transmann

Eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugeschrieben wurde, die sich aber als männlich identifiziert ist ein Transmann.

  • inter*

Inter* oder intergeschlechtlich beschreibt eine Vielzahl von Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale (Genitalien, Hormone, Gonaden, Chromosomen) nicht den medizinisch und gesellschaftlich festgelegten binären Normen von weiblich oder männlich entsprechen. Viele inter* Babys werden trotzdem dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugewiesen und werden schmerzhaften Operationen unterzogen, um sie „passend zu machen.“

  • nicht-binär/non-binary

Eine person,die nicht oder nicht ausschließlich eine Frau oder ein Mann ist. Manche nicht-binäre Menschen identifizieren sich mit dem Begriff trans, andere nicht.

Manche nicht-binäre Menschen identifizieren sich teilweise mit den Begriffen Frau oder Mann, oder verwenden geschlechterspezifische Begriffe, jedoch solltest du nicht davon ausgehen, dass das auf jede Person zutrifft. Sprich Personen am besten mit dem Namen oder mit neutralen Begriffen an, außer sie bitten dich um etwas anderes.

  • transsexuell

Früher war „transsexuell“ der übliche Begriff in der Medizin und im Gesetz. Heute werden Begriffe wie „transident“,“transgeschlechtlich“ oder einfach nur „trans“ bevorzugt, da der Begriff „transsexuell“ fälschlicherweise mit Sexualität, statt Identität verknüpft wird, obwohl Transsein garnichts mit der sexuellen Orientierung zu tun hat.  Der Begriff wird oft auch abwertend oder unsensibel verwendet und gilt auch unter vielen Personen als beleidigend und altmodisch. Aber auch genau deshalb probieren probieren viele Transpersonen dieses diskriminierende Wort zurückzufordern und mit einer positiveren Bedeutung zu besetzen.

  • cis

Personen die sich mit dem bei ihrer Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren (cis Mann, cis Frau). „Cis“ ist ein wertungfreier Gegenbegriff zu trans

  • MTF/FTM bzw. MzF/FzM

MtF ist die Abkürzung für „male to female“ bzw. Mann zu Frau. Eine Person, die bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeordnet bekommen hat, sich aber als weiblich identifiziert. Umgekehrt steht FtM, also „female to male“ bzw. Frau zu Mann für eine Person der bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugeordnet wurde, sich jetzt aber als männlich identifiziert.

Diese Begriffe weden oft noch in medizinischen Büchern, aber auch von Transpersonen als Selbstbezeichnung verwendet. Unter jüngeren Trans Menschen sind die Begriffe „trans Frau“ oder „trans Mann“ als Bezeichnung heutzutage gängiger. Außerdem können die Bezeichnungen „MtF“ und „FtM“ auch für manche trans Personen beleidigend sein, da die ausdrucksweise so interpretiert werden könnte, dass zB. eine trans Frau ursprünglich ein Mann war und erst jetzt zu einer Frau geworden ist. Umgekehrt wäre es für trans Männer in diesem Fall beleidigend.

In psychologischen Gutachten werden die Begriffe in Österreich verwendet. Auch für nicht-binäre Personen, die zB. eine Mastektomie machen wollen steht ftm in der Stellungnahme. 

  • (Geschlechts-)Dysphorie

(Geschlechts-)Dysphorie beschreibt ein soziales, psychisches oder körperliches Unwohlsein, wenn das bei der Geburt zugeordnete Geschlecht, nicht mit der gefühlten Geschlechtsidentität übereinstimmt. Dysphorie löst in Transpersonen oft Gefühle von Traurigkeit, Unwohlsein, Angst und Unzufriedenheit aus. Dieses Leiden kann sehr intensiv sein, zur starken psychischen Belastung werden und den Alltag schwer beeinträchtigen.

Rasieren, Brustbinder, Tape, Makeup, Frisure, Kleidung,… kann helfen sich wohler zu fühlen aber das Gefühl von „ich will einfach nur aus diesem Körper raus“ ist oft größer und führt bei vielen Transpersonen zu starken psychischen Problemen, die gerade bei jungen Transpersonen nicht selten mit Suizid enden.

  • zugeschriebenes Geschlecht/assigned gender (at birth)

Das zugeschriebene oder zugeordnete Geschlecht, ist das Geschlecht, das Babys bei der Geburt gegeben wird und als welches das Kind folglich meistens aufgezogen wird. Die Zuordnung stützt sich auf das äußere Geschlechtsmerkmal und den damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen. Das zugeordnete Geschlecht ist also im Gegensatz zur selbstbestimmten Geschlechtsidentität fremdbestimmt.

  • Hormonersatztherapie

Hermonersatztherapie (auch kurz „HET“, auf englisch „Hormone Replacement Therapy“ kurz „HRT“) ist eine medizinische Behandlung mit Östrogen oder Testosteron, oft auch in Kombination mit anderen Medikamenten zb. Hormonblockern, um die körperlichen Merkmale der Geschlechtsidentität anzugleichen.

2. Geschichte des Trans Day of Remembrance

Jedes Jahr am 20. November versammelt sich die Queere community und solidarische Menschen um am „Trans Day of Rememberance“ unseren ermordeten Geschwistern zu gedenken und an sie und unseren Kampf für Sichtbarkeit, Akzeptanz und Gleichberechtigung zu erinnern. Wir verlieren jedes Jahr unzählige Geschwister durch transfeindliche Gewalt. An diesem Tag trauern wir, aber sagen auch laut wir kämpfen mit euch allen im Herzen. Bis keine*r mehr von uns sterben muss, weil wir wir sind. Versprochen!

Der Trans Day of Remembrance wurde am 20. November 1999 von der Transfrau Gwendolyn Ann Smith ins Leben gerufen. Sie veranstaltete eine Mahnwache für Rita Hester, eine Schwarze Transfrau welche ein Jahr zuvor am 28. November 1998 grausam umgebracht wurde. Ihre Mörder sind bis heute unbekannt und es wurde kaum ermittelt.

Rita Hester wurde am 30. November 1963 in Hartford, Conneticut geboren. Laut ihrer jüngeren Schwester hatte Rita nie ein richtiges Coming Out. Seitdem sie klein war, wurde sie durch ihren Charakter, ihren Angewohnheiten und ihrer Präsenz, auf natürliche weise schon damals als Mädchen akzeptiert. Doch Hartford war generell kein wirklich offener und toleranter Ort für eine Schwarze Transfrau. Deshalb fuhr Hester als junge Frau regelmäßig nach Boston, wo es viele Partys und Rock Clubs gab in denen sie akzeptiert wurde. Mit anfang zwanzig, zog sie dann endgültig nach Boston und wurde dort ein fester Bestandteil der queeren als auch hetero Clubszene. Eine damalige Freundin nannte Rita die einzige Verbindung zwischen den queeren Bars und dem hetero Nachtleben. Viele ältere Transfrauen warnten Hester vor den Gefahren, die damit einhergingen sich mit Heteros zu treffen, doch das hielt sie nicht davon ab.

TW: Mord, Transfeindlichekit

Am 28. 11. 1998 wurde Rita in ihrer Wohnung durch viele Messerstiche in die Brust ermordet. Die Polizei reagierte nur langsam und als Hester im Krankenhaus ankam, war sie bereits an einem Herzstillstand verstorben. Rita Hester wäre zwei Tage später 35 Jahre alt geworden. Weniger als zwei Monate zuvor hatte der Mord an Matthew Shepard, einem weißen Cis Mann landesweit Schlagzeilen gemacht. Rita dagegen wurde in den Medien ignoriert oder respektlos behandelt, viele Zeitungen misgenderten sie und verwendeten ihren Deadname.

Ritas Tod war kein Einzelfall. In den acht Monaten um ihren Mord wurden mindestens acht weitere Transpersonen getötet. Die Wut der Queeren bzw. vorallem Trans Community führten dazu, dass ihr Tod zu einem wichtigen Wendepunkt wurde. Viele Aktivist*innen sahen darin ein Sinnbild für die Missachtung und Unsichtbarkeit von Transpersonen, auch innerhalb der queeren Bewegung. Auch heute bleibt die Gewalt bestehen, besonders gegen Schwarze Transfrauen und Sexarbeiter*innen wie Rita. Rita Hester wurde grausam aus ihrem Leben gerissen, doch ihr Name steht bis heute für kollektives Erinnern, Zusammenhalt, Mut und Liebe.

3. Queere Geschichte und Kämpfe

Über Jahrhunderte hinweg wurden queere Identitäten unsichtbar gemacht, verfolgt und kriminalisiert. Trotz dieser Unterdrückung haben queere Menschen überall auf der Welt Wege gefunden, sich zu organisieren, füreinander einzustehen und in solidarischen Bündnissen mit anderen Unterdrückten zu kämpfen. Queere Kämpfe sind eng mit allgemeinen Fragen von einer befreiten Gesellschaft verknüpft. Die Befreiung queerer Menschen kann nicht getrennt gedacht werden von der Befreiung aller Unterdrückten.

Wenn sich unsere Kämpfe nicht gegen das ganze unterdrückende System richten, fallen wir unseren Geschwistern in den Rücken und kooperieren mit den leeren Versprechen der herrschenden Klasse. Es gibt einige Beispiele revolutionärer Kämpfe die unsere Trans Geschwister geführt haben, einige davon sind hier beschrieben:

Die Stonewall Riots sind für die Queere community ein wichtiges historisches Ereignis. Die Proteste im Juni 1969 entfachten nach ständigen Polizei Razzias und Demütigungen in der Stonewall Bar in New York. Zusammen wehrten sich die Besucher*innen der Bar gegen die Demütigung und Gewalt der Polizei. Vorallem Schwarze queere Menschen waren Zielscheibe der Polizei. Aufstände brachen aus und die Leute organisierten sich. Aus dem Feuer wurde die Gay Liberation Front (GLF) gegründet. Sie waren Verbündete der Black Panther Party, weil beide erkannten, dass sie als Schwarze und oder Queere Arbeiter*innen mehr Diskriminierung und Gewalt, vorallem Polizeigewalt, ausgesetzt sind und verbündet stärker sind. Außerdem solidarisierten sie sich mit der damals sehr aktiven Behinderten-Befreiungsbewegung und kämpften zusammen für Gleichberechtigung.

Die beiden widerständigen starken, und in der Geschichte oft weggelassenen, BiPOC Transfrauen Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera gründeten gemeinsam S.T.A.R. – Street Transvestites Action Revolutionaries. Sie besetzten ein Haus um Wohnplatz für junge, wohnungslose Queers und sicheren Ort für Transpersonen zu schaffen und finanzierten die Community über Sexarbeit und Spenden. Das Ziel von S.T.A.R. war es, Unterstützung für selbstständiges Leben zu bieten und Transpersonen sichtbar in die queere Bewegung einzubinden. Sie kämpfte gegen Polizeigewalt und Diskriminierung von Transpersonen, forderte Wohnraum, medizinische Versorgung und Respekt für alle queeren Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Einkommen. Außerdem kritisierten sie die weiße, männlich dominierte Schwulenbewegung öffentlich, die Transpersonen und Menschen in präkeren Lagen oft ausschloss. Obwohl S.T.A.R. nur wenige Jahre aktiv war, gilt sie für uns als Vorbild für gelebte Solidarität, Mut und gegenseitige Unterstützung.

In vielen Städten wird am 28.Juni in Erinnerung an die Stonewall Riots als antikapitalistische revolutionäre Pride auf die Straße gegangen, an die Kämpfer*innen der Stonewall Riots erinnert und Solidarität mit aktuellen Kämpfe von unten gezeigt. Im Gegensatz zu vielen (eher) liberal geprägten CSD’s, vorallem im deutschsprachigen Raum, ist die Solidarität mit anderen unterdrückten Menschen und Völkern selbstverständlich.

4. Marsha P. Johnson

Marsha P. Johnson wurde am 24. August 1945 in New Jersey in einer Arbeiter*innenfamilie geboren. Sie erlebte als Schwarzes Kind, bei der Geburt männlich eingetragen, das sich gerne feminin anzog viel Ablehnung in ihrer konservativen Umgebung und zog mit 17 Jahren nach New York. Dort fand sie in Greenwich Village eine Community aus Transpersonen, Sexarbeiter*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen und begann, den Namen Marsha P. Johnson zu verwenden. Sie sagte immer das „P“ steht für „Pay It No Mind“, ihre Standart Antwort wenn Leute nach ihrer Geschlechtsidentität fragen. Marsha arbeitete als Drag Queen, Sexarbeiterin, Straßenkünstlerin und Gelegenheitsarbeiterin, oft unter schwierigen Bedingungen. Sie wurde zu einer Schlüsselfigur der queeren Bewegung. Beim Stonewall-Aufstand im Juni 1969 war sie an forderster Front dabei. Zusammen mit ihrer Freundin Sylvia Rivera gründete sie kurz darauf die Organisation S.T.A.R. (Street Transvestite Action Revolutionaries), die sich für obdachlose, queere Jugendliche und Trans Menschen einsetzte. In den 1980er-Jahren war sie aktiv in der AIDS-Bewegung, unter anderem bei der Gruppe ACT UP. 

TW: transfeindlicher Mord

1992 wurde sie tot im Hudson River gefunden, die Behörden stempelten ihren Tod als Suizid ab, doch viele in der Community vermuteten ein Hassverbrechen. Heute gilt Marsha P. Johnson als Ikone des queeren Widerstands und als Symbol für Mut, Liebe und Solidarität. Ihr berühmtes Zitat “No pride for some of us without liberation for all of us” wird heute viel von Queers4Palestine Gruppen verwendet um den Zusammenhang verschiedener Unterdrückungsformen zu betonen.

5. Sylvia Rivera

Sylvia Rivera wurde am 2. Juli 1951 als Kind, bei der Geburt männlich zugeschrieben, lateinamerikanischer Eltern in der Bronx, New York City, geboren. Ihre Mutter begang Suizid, ihr Vater verlies die Familie und ihre Oma misshandelte sie und missbilligte ihre feminine Art. Sie ging mit 11 Jahren von Zuhause weg und fand Zuflucht in einer Gemeinschaft von Drag Queens, die sich um sie kümmerten, und verdiente ihren Lebensunterhalt unter anderem mit Sexarbeit. Als Jugendliche war Sylvia viel auf Protesten und Demonstrationen für die Bürgerrechtsbewegung und die Frauenrechtsbewegung sowie gegen den Vietnamkrieg. Außerdem war sie aktiv bei der Gruppe Young Lords und hatte Kontakt mit Mitgliedern der Black Panther Party. 1971 als sie Huey Newton traf, erklärte er, dass er Gruppen wie GLF und STAR als revolutionär ansah.

Sylvia war bei den Stonewall Riots erst 17 Jahre alt und voll dabei. 1970 gründete sie dann zusammen mit Marsha die Organisation S.T.A.R.(Street Transvestite Action Revolutionaries) Sie war eine der ersten, die innerhalb der queeren Bewegung offen auf die Diskriminierung von Trans Menschen hinwies. Auf der Pride Parade 1973 wurde sie bei ihrer Performance von weißen schwulen cis-Männern ausgebuht, worauf hin sie eine starke Rede über die Exklusion von BiPoc’s und Trans Menschen innerhalb der queeren Bewegeung hielt. Sie machte auf genau die Misstände, die heute auch noch innerhalb der feministischen Bewegung vorhanden sind, aufmerksam. Rassismus, Transfeindlichkeit und bürgerliche Perspektiven.

You tell me to go and hide my tail between my legs. I will not put up with this shit. I have been beaten. I have had my nose broken. I have been thrown in jail. I have lost my job. I have lost my apartment for gay liberation — and you all treat me this way? What the fuck’s wrong with you all? Think about that! … The people are trying to do something for all of us, and not men and women that belong to a white, middle-class white club. And that’s what you all belong to!

Rivera verstarb am 19. Februar 2002 an Leberkrebs. Sie wird oft als die „Rosa

Parks der Trans-Rechte-Bewegung” bezeichnet. Sie ist für uns wie Marsha ein Symbol für Mut, Liebe und Solidarität. 

6. Die Entstehung geschlechtlicher Binaritäten

Die Vorstellung, dass es zwei klar voneinander abgegrenzte Geschlechter „Mann“ und „Frau“ gibt, erscheint heute für viele selbstverständlich. Historisch betrachtet ist diese Binarität jedoch keineswegs ein universelles Phänomen, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses sozialer, ökonomischer und kolonialer Machtbildung und Einhegung. Verschiedene feministische Theoretiker*innen wie z. B. Silvia Federici, Leticia Sabsay, María Lugones, C. Riley Snorton oder Omi Salas-SantaCruz zeigen, dass die Zweigeschlechterordnung ein Produkt der Moderne ist, das in enger Verbindung mit der Entstehung des Kapitalismus, der europäischen Expansion und dem Kolonialismus steht.

In vormodernen Gesellschaften, etwa in vielen indigenen Kulturen, existierten vielfältige Geschlechterrollen und Identitäten. Beispiele wie die Two-Spirit-Personen in nordamerikanischen Gemeinschaften oder icht-binäre Identitäten in afrikanischen und asiatischen Gesellschaften, welche eine angesehene Rolle hatten, verdeutlichen, dass Geschlecht in vielen Kulturen oft sozial definiert wurde. Erst mit der europäischen Moderne und der Etablierung kapitalistischer Produktionsweisen wurde Geschlecht zu einer binären, hierarchisch organisierten Kategorie verfestigt.

Silvia Federici argumentiert, dass dieser Wandel eng mit der Herausbildung des Kapitalismus und der Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre verbunden war. Während Männer zunehmend mit Lohnarbeit und öffentlicher Produktion assoziiert wurden, wurden Frauen* auf Hausarbeit, Mutterschaft und Reproduktion reduziert. Die Hexenverfolgungen des 16. und 17. Jahrhunderts waren für Federici Ausdruck einer gewaltsamen Disziplinierung von als Frauen markierten Körpern, ein Prozess, durch den die Kontrolle über Reproduktion und Sexualität zentralisiert wurde. So entstand eine ökonomisch motivierte Geschlechterordnung, die die Unterwerfung des als weiblich markierten Körpers zur Grundlage kapitalistischer Akkumulation machte.

Mit der europäischen Expansion und Kolonialisierung wurden diese binären Geschlechtermodelle globalisiert. María Lugones beschrieb dies als Coloniality of Gender, einen Prozess, in dem koloniale Macht nicht nur Land und Arbeitskraft, sondern auch Körper, Sexualität und Geschlecht neu organisierte. Gesellschaften, die zuvor pluralere Geschlechtskonzepte kannten, wurden durch Missionierung, Rechtssysteme und westliche Medizin gewaltsam in das binäre Schema gezwungen. Die Kolonialisierung der Körper diente somit der Kontrolle kolonialisierter Bevölkerungen, indem sie Geschlecht als Disziplinierungsinstrument einsetzte.

Leticia Sabsay greift diese Perspektive auf und verbindet sie mit zeitgenössischen Bewegungen in Abya Yala (Lateinamerika). Ihr zufolge zeigen feministische, indigene und Trans-Aktivist*innen, dass der Körper ein politisches Territorium ist – ein Ort, an dem koloniale und patriarchale Machtverhältnisse eingeschrieben werden. In dem Konzept Territorio-Cuerpo-Tierra (Territorium–Körper–Land) wird deutlich, dass die Kontrolle über den Körper eng mit der Kontrolle über Land, Gemeinschaft und ökologischen Ressourcen verknüpft ist. Die Dekolonisierung des Geschlechts bedeutet daher auch die Rückeroberung der Körper als politische Territorien und als Orte des Widerstands.

C. Riley Snorton zeigt in seiner historischen Analyse, dass die Entstehung moderner Geschlechtervorstellungen eng mit der Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels und des Rassismus verwoben ist. In der Sklaverei wurden Schwarze Körper zu Objekten kolonialer Ökonomie gemacht, zu „ersetzbaren Körpern“, die nach Bedarf produziert, reproduziert und ersetzt werden konnten. Diese rassistische ökonomische Logik der Verfügbarkeit strukturierte zugleich die Wahrnehmung von Geschlecht: Der Körper wurde als Instrument staatlicher, medizinischer und ökonomischer Kontrolle definiert. Snorton verdeutlicht, dass die Konstruktion des binären Geschlechts nicht unabhängig von der Logik von Race gedacht werden kann, sondern sich in den Praktiken der Versklavung und Entmenschlichung Schwarzer Körper herausbildete. Die moderne Vorstellung eines „geschlechtlich bestimmten Subjekts“ ist daher nicht universal, sondern das Produkt einer kolonialen Moderne, die durch die Disziplinierung und Klassifizierung von Körpern ihre politische und ökonomische Ordnung stabilisierte.

Omi Salas-SantaCruz entwickelt aus einer dekolonialen Trans-feministischen Perspektive einen Ansatz, der Körper, Wissen und Raum als miteinander verflochtene Dimensionen versteht. Dekoloniale Trans-Feminismen machen sichtbar, dass koloniale Machtverhältnisse nicht nur Geschlechteridentitäten regulieren, sondern auch festlegen, welche Körper als Träger legitimen Wissens, als „menschlich“ oder als „gebildet“ gelten. Salas-SantaCruz begreift den Körper als Ort, an dem koloniale, rassistische und cis-normative Wissensordnungen eingeschrieben sind – und zugleich als Terrain, auf dem neue Formen des Wissens und der kollektiven Selbstbestimmung entstehen können. Die Dekolonisierung des Geschlechts bedeutet hier nicht nur Widerstand gegen binäre Normen, sondern die Rückgewinnung des Körpers als Raum der Zugehörigkeit, der Fürsorge und der politischen Imagination. Damit erweitert Salas-SantaCruz den dekolonialen Diskurs um eine Trans-feministische Dimension, in der der Körper selbst zum Ort des Wissens und der Befreiung wird.

Insgesamt zeigt sich, dass die Geschlechterbinarität historisch konstruiert wurde, um bestehende Machtverhältnisse zu stabilisieren. Sie ist nicht nur eine kulturelle Vorstellung, sondern ein Instrument, durch das Arbeit, Sexualität und soziale Beziehungen kontrolliert und hierarchisiert werden. Ihre Entstehung ist untrennbar mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsweisen, der Kolonialisierung der Welt und der institutionellen Kontrolle über reproduktive Körper verbunden.

Eine dekoloniale Perspektive auf Geschlecht fordert daher, diese Binarität als Produkt von Herrschaft und Gewalt zu begreifen und alternative, pluralistische Formen des Körper- und Geschlechterverständnisses wieder sichtbar zu machen. Indigene, antirassistische, dekoloniale, feministische und Queere Bewegungen verdeutlichen, dass der Widerstand gegen binäre Geschlechternormen über individuelle Identität hinausgeht und eine kollektive Praxis der Befreiung darstellt, die sowohl körperliche, soziale als auch politische Dimensionen umfasst.

7. Das Rot des Regenbogens: Îsyan Tolhildan Pîrsusê

Îsyan Tolhildana Pîrsusê (Okan Altunöz), war eine kurdisch-alevitische queere Revolutionärin, die 1992 in Ankara geboren wurde. Schon früh wurde sie sich ihrer Geschlechtsidentität bewusst, sodass sie schon früh in einem Widerspruch mit dem cis-hetero normativen Gesellschaftsdruck lebte. Gleichzeitig wuchs sie in einer Familie aus Koçgirili in Ankara, der Hauptstadt des kolonialen Faschismus, auf. Mit all diesen Widersprüchen in ihrer Persönlichkeit lebte sie ein Leben, das in jeder Hinsicht im Widerspruch zum System stand. Über das Leben unserer Unsterblichen zu lesen und es zu erforschen ist nicht nur wichtig, um die Größe ihrer Kämpfe und Opfer zu erfahren und ihr Andenken lebendig zu halten, sondern es zeigt uns auch, wie Revolutionär*innen zu Freiheitskämpfer*innen werden können, indem sie im Kampf geformt werden. Über sie zu lesen, von ihnen zu lernen, zu sehen, welche Widersprüche sie überwunden haben und wie sie sie überwunden haben, ist für jeden jungen Menschen wichtig, der in den gleichen oder ähnlichen Widersprüchen wie sie lebt und sich im Kampf mit dem System befindet.

Sie war schon früh im Jugendkampf aktiv und nach einem 2 jährigen Rückzug organisierte sie sich nach Erleben von Demütigung und sexualisierter Gewalt von der Polizei und dem ISIS-Massaker in Pîrsus. 2016 schloss sie sich der Revolution in Rojava an, wurde Kommandantin und verband den Kampf für queerer Befreiung mit dem Klassenkampf. In ihren Schriften betonte sie, dass die Emanzipation von queeren Menschen und die Befreiung der Arbeiter*innenklasse zusammengehören. Îsyan forderte Selbstkritik, Offenheit und eine konsequente Organisierung von queeren Menschen innerhalb revolutionärer Bewegungen. Sie sah in der Verbindung von persönlicher Identität, kollektiver Organisation und politischem Bewusstsein den Schlüssel zur Befreiung.

Sie starb im April 2022 durch ihre dritte Corona Infektion, welche in Rojava durch die

Auswirkungen der kolonialistischen Belagerung eine sich verschärfenden Gesundheitskrise wurde.

Sie lebte für den vereinten revolutionären Kampf. Ihr Beispiel soll zeigen, dass echte Befreiung nur durch Solidarität, revolutionäres Bewusstsein und den gemeinsamen Widerstand aller Unterdrückten erreicht werden kann.

Ausszüge aus dem Atikel „Das rot des Regenbogens“ von pride rebellion

Den ganzen Artiekl kannst du hier lesen: https://priderebellion.de/das-rot-des-regenbogens-isyan-tolhildan-pirsuse/

8. Kämpfe verbinden

Soziale Kämpfe spielen sich immer in einem komplexen, globalen Geflecht aus sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnissen ab. Entscheidend für eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation ist die Verbindung der verschiedenen Kämpfe gegen Diskriminierung und Ausbeutung. Nur eine breite, internationale Massenbewegung, die alle Teile unserer Klasse miteinbezieht, kann die Kraft entwickeln, den Kapitalismus zu überwinden um eine befreite Gesellschaft aufzubauen.

Kapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus, Patriarchat, Rassismus und Ableismus sind eng miteinander verwobene Machtstrukturen. Die Kämpfe gegen diese Diskriminierungs- und Ausbeutungsformen richten sich gegen dieselben Herrschaftsverhältnisse, die das kapitalistische System stützen und sind daher immer auch Teil des Klassenkampfes. Geschlechterverhältnisse sichern die ökonomische Basis des Systems. Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen treffen Frauen, Queers und andere marginalisierte Gruppen überproportional, was verdeutlicht, dass Klassenlage und Geschlechterordnung wechselseitig aufeinander wirken. Befreiung kann nicht isoliert auf eine Dimension der Unterdrückung reduziert werden. Individuelle Anerkennung oder symbolische Rechte allein genügen nicht, wir müssen an den realen Lebensbedingungen prekarisierter Menschen ansetzen.

Ein historisches Beispiel dafür ist die Black Panther Party in den USA. Gegründet 1966 als Reaktion auf Polizeigewalt gegen Schwarze Communities verband sie antirassistische Kämpfe mit einem sozialistischen Programm und organisierte z.B. kostenlose Frühstücksangebote und Gesundheitsversorgung für die Menschen in den verarmten, mehrheitlich Schwarzen Vierteln. Auch wenn Queerrechte bei ihnen nicht im Mittelpunkt standen, unterstützten die Panthers solidarisch Queeren Aktivist*innen und arbeiteten mit der Gay Liberation Front (GLF)zusammen, die aus den Stonewall Riots von 1969 hervorging. Die GLF verband Queerbefreiung mit Antirassismus und Klassenfragen und kritisierte Kapitalismus und Patriarchat als Grundlage gesellschaftlicher Unterdrückung. An dieser Stelle muss erwähnt werden dass die GLF nicht frei von inneren Widersprüchen war. Einige Mitglieder wollten sich allein auf den Kampf für Schwulenrechte konzentrieren und es kam zu Diskriminierung von Trans-Personen. Dagegen wehrten sich Mitbegründer*innen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, die für die Einbeziehung von Transpersonen kämpften und auf Mehrfachunterdrückung aufmerksam machten.

Ein weiteres Beispiel sind die britischen Minenarbeiter*innenstreiks der 1980er Jahre, während der Regierung Thatcher kämpften Arbeiter*innen gegen Massenentlassungen und neoliberalen Sozialabbau. Eine der bemerkenswertesten Solidaritäten entstand mit der Gruppe Lesbians andGays Support the Miners (LGSM), die Geld sammelte, Streikende unterstützte und ein gemeinsames Bündnis aufbaute. Diese Verbindung zwischen Queeren Aktivist*innen und Arbeiter*innen war ein starkes Symbol dafür, dass Kämpfe gegen Klassenausbeutung, Queerfeindlichkeit und patriarchalen Normen gemeinsam geführt werden können. In den USA prägte das Combahee River Collective in den 1970er Jahren die intersektionale Perspektive, indem es Rassismus, Sexismus, Patriarchat und Klassenunterdrückung zusammen dachte, während in Lateinamerika die Bewegung Ni Una Menos zeigt, dass feministische Kämpfe eng mit Fragen der Klasse, Race, Sexualität, Behinderung und patriarchaler Gewalt verbunden sind. Entstanden in Argentinien als Protest gegen Feminizide, schließt die Bewegung selbstverständlich Transpersonen ein und betont die strukturellen Ursachen von Gewalt – Armut, soziale Ungleichheit und Diskriminierung von marginalisierten Gruppen.

Auch heute vertreten Queere Gruppen weltweit einen internationalistischen Anspruch. Die diesjährige Pride in London stand ganz im Zeichen der Palästinasolidarität. Aktivist*innen demonstrierten nicht nur für queere Anliegen, sondern verbanden dies mit antiimperialistischen und antirassistischen Forderungen und dem Protest gegen den Genozid in Gaza. Sie machten sichtbar, dass die Unterdrückung von queeren Menschen global eng mit anderen Formen der Unterdrückung, wie Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus und ökonomischer Ausbeutung verwoben ist. 

Auch ein Beispiel ist der Trans Queer Fund, der 2020 während der Corona-Pandemie in Kenia gegründet wurde, um Queere Menschen in finanziellen Krisen zu unterstützen. Neben Soforthilfen organisiert die Initiative mit einem antikapitalistischen und antiimperialistischen Ansatz auch politische Bildungsarbeit und Community-Veranstaltungen. In Kenia gelten noch immer Gesetze aus der britischen Kolonialzeit, die gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisieren. Diese Situation wird durch den Einfluss westlicher, queerfeindlicher Organisationen wie Ordo Iuris, CitizenGo, Alliance Defending Freedom oder Familywatch International verschärft. Sie betreiben in Afrika, oft über religiöse Partnerinstitutionen wie das Kenya Christian Professionals Forum, anti-queere Lobbyarbeit und fördern Gesetzesinitiativen. So unterstützten sie auch das sogenannte Familienschutzgesetz, das 2023 von Peter Kaluma, einem Mitglied der kenianischen Nationalversammlung, eingebracht wurde und eine Verschärfung der Diskriminierung vorsieht. In diesem zunehmend feindlichen Klima erleben queere Menschen in Kenia alltägliche Ausgrenzung: Sie verlieren Wohnungen und Jobs allein wegen ihrer Identität. Während der Pandemie verschärften sich Armut und Arbeitslosigkeit noch, besonders für queere Personen, die häufig im informellen Sektor tätig sind. Der TQF reagierte zunächst mit akuter finanzieller Hilfe,sie erkannten dabei aber früh, dass die Probleme nicht nur

durch die Pandemie bedingt waren – die Tatsache, dass so viele queere Menschen arm sind hat mit dem System zu tun. Und so entschieden sie sich, die Arbeit auch über die Pandemie hinaus weiterzuführen.

Queere Kämpfe dürfen sich nicht auf symbolische Anerkennung reduzieren lassen. Echte Befreiung muss an materiellen Bedingungen ansetzen – Lohnarbeit, Wohnungsnot, Gesundheitsversorgung und Armut. Identität und Klasse existieren nicht getrennt voneinander, sondern verstärken sich gegenseitig. Feminismus kann nur dann befreiend sein, wenn er Klassenverhältnisse und ökonomische Ausbeutung ins Zentrum rückt. Feminismus heißt Klassenkampf, wie die Arbeitskämpfe von Pfleger*innen, Erzieher*innen und migrantischen Arbeiter*innen in Deutschland und Österreich zeigen, die sich gegen Kürzungen, Rechtsruck und Krieg stellen. Die Verteidigung feministischer Errungenschaften ist untrennbar mit dem Kampf gegen neoliberale Politik, Aufrüstung und Krieg verbunden.

Queere Befreiung, antirassistischer Widerstand, feministische Selbstorganisation, die Forderungen der Behindertenbewegung und Arbeiter*innenmacht sind keine separaten Interessen, sie sind Teile desselben Konflikts mit Kapital und Patriarchat. Nur gemeinsam können wir die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen angreifen die Ausbeutung, Gewalt und Ausschluss produzieren. Organisiert praktische Solidarität, stärkt basisdemokratische Bündnisse, stellt die Bedürfnisse der Marginalisierten in den Mittelpunkt und baut kollektive Macht auf – in Betrieben, Vierteln, Schulen und öffentlichen Räumen. Wenn wir uns gemeinsam organisieren können wir nicht nur einzelne Missstände beheben, sondern die Grundlagen einer befreiten Gesellschaft legen.

9. Queere Menschen in der NS-Zeit

Unter dem NS-Regime wurden zehntausende queere Personen verfolgt, inhaftiert und umgebracht. Etwa 50.000 wurden nach § 175 StGB (sexuelle Handlungen zwischen Männer) verurteilt, viele davon kamen in Konzentrationslager, wo sie den „rosa Winkel“ tragen mussten. Die Situation von Trans und gender-nonkonformen Personen während des NS Regims wurde bis jetzt sehr wenig erforscht. Es ist jedoch klar, dass viele der als homosexuellen cis-Männer abgestempelten Personen eigentlich Trans waren. Transpersonen wurden nämlich zunehmend als homosexuell betrachtet, und oft willkürlich wegen „groben Unfugs“ in Gefängnissen und Konzentrationslager weggesperrt – Sterlisitation und Umerziehungslager waren auch üblich. Forschung und Erinnerung an Trans Opfer wurden fast vollständig ausgelöscht, Archive benannten sie mit ihren Geburtsnamen, Deadnaming, das ihre Identität bis heute negiert. Für homosexuelle Männer existiert seit 2008 ein Denkmal in Berlin, doch ein Gedenkzeichen für Trans Opfer fehlt bislang. Ein Wendepunkt war 2023 der erste Stolperstein für die Transfrau Käte Rogalli in Berlin, unter ihrem gewählten Namen.

10. Liddy Barcoff

Liddy Bacroff wurde 1908 in Ludwigshafen geboren und wuchs bei ihren Großeltern auf. Sie kam früh für ein Jahr in ein Erziehungsheim, da sie als „schwer erziehbar“ galt. Nachdem sie eine Lehre abbrach, arbeitete sie als Bürodienerin und Botin. In den 20er Jahren wurden über sie mehrere Strafen wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch verhängt. 1929 wurde sie nach §175 zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt. Nach ihrer Freilassung verließ sie ihr Elternhaus und zog nach Hamburg. 1930 wurde sie erneut wegen Diebstahls inhaftiert und bis 1934 folgten mehrere Haftstrafen nach §175 und wegen ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterin.

Während der vielen polizeilichen Verhöre musste sie detailliert Auskunft über ihre Transidentität und Arbeit geben, woraufhin sie in den Berichten pathologisiert und als “abnorm” bezeichnet wurde. Die Polizei erließ einen Suchbefehl, und am 25. März wurde sie von einem Beobachter in der Bar Komet denunziert, der angab, „einen Mann in Frauenkleidung“ gesehen zu haben, „der Kontakt zu einem anderen Mann aufnahm“. Im August 1938 wurde sie erneut wegen Sexarbeit als “gefährlicher Gewohnheitsverbrecher” zu drei Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie wurde ins Zuchthaus Bremen-Oslebshausen überstellt und 1941 in die Sicherungsanstalt Rendsburg. 1942 wurde sie in das KZ Mauthausen gebracht, wo sie 1943 ermordet wurde.

11. Der Weg zur behördlichen Anerkennung*

Transperesonen in Österreich müssen medizinische Gutachten einholen um Personenstands- und Namensänderung, Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen machen zu können. Dieser Prozess ist anstrengend und teuer.

Es braucht 3 Gutachten:

  • Psychiatrisch
  • Klinisch-psychologisch
  • Psychotherapeutisch

Manchmal reichen auch das psychatrische und entweder psychologisch oder psychotherapeutisch, das muss mit den jeweiligen Stellen abgeklärt werden.

Da es bei Kassenstellen oft lange Wartezeiten (8-12 Monate) gibt, weichen einige Transpersonen auf private Leistungen aus. Das kann dann schon bis zu ein paar tausend Euro kosten, bevor die Hormontherapie überhaupt beginnt bzw. die Operation gemacht werden kann. Die Hormontherapie selbst wird – wenn alle Gutachten undf Stellungnahmen vorhanden sind – von der Krannkenkasse bezahlt, nur Rezeptgebühren müssen leider selbst gezahlt werden. (wobei diese meist, beim Steuerausgleich eingereicht werden können)

Diagnostischer Prozess

Für die Diagnose (nach ICD-10 F64.0 oder ICD-11 17HA60) sind die oben genannten drei Gutachten nötig. Sie sollen bestätigen, dass eine Geschlechtsdysphorie vorliegt – also ein starkes Unwohlfühlen mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht.

Alle Gutachten werden in einer Stellungnahme zusammengefasst, dem sogenannten Konsensbeschluss. Meist erstellt ihn die behandelnde Psychotherapeut*in.

Die Dauer bis zur Fertigstellung kann unterschiedlich sein: manche Expert*innen verlangen nur wenige Termine, andere eine Begleitung über mehrere Monate. Die Gutachten sind 12 Monate gültig. Wenn die nächsten Schritte nicht innerhalb dieser Zeit passieren, verfällt das Gutachten.

Beginn der Hormonersatztherapie

Wenn man den diagnostischen Prozess abgeschlosssen hat, werden zb. vor dem Beginn der Hormonersatzbehandlung mehrere Untersuchungen empfohlen:

·       Gynäkologisch bzw. urologisch

·       Risikoscreening hinsichtlich Kontraindikationen 

·       Zytogenetische Untersuchung (nur bei Bedarf)

Die Hormonersatztherapie bei MzF*-Transpersonen besteht meist aus Testosteronblockern und Östrogenpräperaten, die in Tabletten-, Pflaster-, Gel- oder Spritzenform eingenommen werden.

Bei FzM*-Transpersonen besteht die Hormonersatztherapie meist aus einem Testosteronpräperat, was man entweder als Spritze, Creme oder Gel einnehmen kann. Für FzM*-Transpersonen gibt es auf der Website der „Chainge Trans Peer Group Vienna, sehr viel Infomaterial und auch Erfahrungsberichte, die sehr hilfreich sind.

Auch Courage und die Hosi haben viel Material zum Thema Transition online und bieten Beratungsgespräche an.

Chirurgische Eingriffe

Für chirurgische Eingriffe , werden wie bei der Hormontherapie, die gleichen Stellungnahmen (aber natürlich müssen diese auf die jeweilige Operation bezogen sein) benötigt. Also wieder eine Psychiatrische und eine psychotherapeutische und/oder psychologische Stellunhgnahme.

Normalerweise können frühestens nach einem Jahr der Hormontherapie genitalchirurgische Eingriffe gemacht werden. Wobei es auch Eingriffe gibt, die keine Hormontherapie voraussetzen, wie ZB die Mastektomie.

* Der Weg zur Behördlichen Annerkennung von Transmenschen ist für behinderte Transpersonen noch schwieriger. Zum einen, weil Behinderte von grund auf weniger ernstgenommen werden und ihre Erfahrungen oft abgesprochen werden. Zum anderen, wenn eine Körperbehinderung vorliegt haben Mediziener*innen oft keine Ahnung, wie ihr Körper auf Hormonersatztherapien oder geschlechtsangleichende Operationen reagieren wird. Es gibt zu wenig Erfahrungsberichte und zuwenig Interesse der Ärzt*innen diese Wissenslücken zu schießen.  Menschen mit einer Lernbehinderung werden sehr oft garnicht gehört, da ihnen oft nichtmal zugetraut wird, dass sie über ihren eigenen Körper und ihrer Idenitität im Klaren sind.